Eine weiße Welt, so voller Düsternis

Vom Scheitern an der Lieblosigkeit der Liebe


Villach. Die straffen 60 Minuten von Stefan Zefferers neuem Stück „Meine weiße Welt“ sind Verzweiflung pur. In dem Tanz-Theater-Monolog an der neuenbühnevillach werden die Beziehungsleiden einer jungen Frau, ausdrucksstark gespielt von Amrei Baumgartl (Jahrgang 1992), aufgearbeitet. Schon beim ersten Satz „Heute ist ein schöner Tag“, weiß man, dass die Liebe der Frau zu einem Mann unter keinem guten Stern steht; dass jemand, der sich so bedingungslos hingibt, bereits eine Reihe von Traumatisierungen hinter sich hat.

Denn da passt nichts: Er fickt schlägt sie, er fickt sie kalt, er tröstet sie nicht, wenn sie traurig ist – heißt es bei Zefferer. Die Frau versucht zwar, dieser Tristesse etwas Positives abzugewinnen. Trotzdem führt es hin, wo es wohl hinführen muss: Drogen, Alkohol, Demütigung, Selbstverstümmelung, Selbstmord.

Untermauert wird der emotionale Monolog mit schön-traurigen Auszügen bekannter Popballaden, Tanzeinlagen und Filmeinspielungen. Manchmal wirken diese Zusammenschnitte etwas holprig und auch Zefferers Poesie greift mitunter tief in die Pubertätskiste. Für Erheiterung inmitten der Düsternis sorgt eine Abhandlung über die Nebenwirkungen übermäßigen Neuroleptika-Konsums, für die Baumgartl in die Rolle eines Rote-Nasen-Clowns schlüpft. Alles in allem eine gut gespielte One-Woman-Show, für die es kräftigen Applaus gab.


(Harald Schwinger, Kleine Zeitung, 25.4.2015)


 Interview mit Karin Gilmore ("meineWOCHE"):


Österreichische Erstaufführung von "Amber Hall" in der neuenbühnevillach

 

 

Der Erbtante mit ein paar Pülverchen beim Sterben auf die Sprünge zu helfen heißt in Frankreich "corriger la fortune". Lars Lienen packt diese Korrektur des Schicksals in Amber Hall in ein sehr englisches Gruseldrama. Das gelangte nun in der neuenbühnevillach zur österreichischen Erstaufführung. Wer bei den einzigen Requisiten auf der intimen Bühne, einigen in weiße Leintücher geschnürten Fauteuils, an Leichen denkt, liegt richtig: Das britische Landhaus Amber Hall hat die Eigenart, seit 150 Jahren ungesühnte Morde zu rächen, indem es Leute (wie hier die rothaarige Giftmischerin Emily Roslin) anlockt und so lange unter Druck setzt, bis sie an einer Fischgräte ersticken oder sich im Stiegenhaus das Genick brechen.

 

Michael Weger setzt das Drama als parapsychologische Gratwanderung um, indem er mit Horroreffekten sparsam umgeht, dafür aber desto tiefere Einblicke in die Seelenleben der fünf Darstellerinnen gewährt. Diese liefern eindrucksvolle Talentproben ab. Amrei Baumgartls Emily ist eine Frau am Abgrund, der man mit ihrer Schwester Alanna (Daniela Graf löst sich förmlich in Fürsorge auf) den Mord an der Tante fast nachsieht, sobald sich ihre Lebensgeschichte offenbart: Die Eltern durch ein Verbrechen verloren, mittellos ob der Ausschweifungen des Vaters, nach einem Verkehrsunfall fast querschnittgelähmt, landete sie in der Psychiatrie. Es war, lässt Lienen sie sagen, "als wenn einem ein Lastwagen frontal gegen den Verstand fährt". An Tabletten wieder aufgerichtet, verfällt sie auf die Idee mit der Tante. Aber das Herrenhaus steht für einen Gerechtigkeitssinn, der keine Gnade kennt. (elce, DER STANDARD, 16.5.2014)